Ring der Einzelpaddler / Faltbootgilde Verein für Kanusport e.V.                                               

Dickboot-Cup Calbe 2012 … die Luft wird dünner!
Mein Gott bin ich aufgeregt“. Meike spricht aus, was alle denken. Das RdE-Team tritt
dieses Jahr, nachdem es in 2011 aus ferienbedingtem Personalmangel gar nicht angetreten ist,
nur mit einer arg geschwächten Mix-Mannschaft wieder unter dem Pseudonym
„Elbpiraten“ an. Und die anderen? Die hacken da schon wieder ins Wasser, dass die Saale
siedet. Was soll das denn werden? Die lange Anreise und dann in der Vorrunde ausscheiden?
Den sonst so siegessicheren „Elbpiraten“ ist deutliches Fracksausen anzumerken, denn
es sieht so aus, als seien wir in eine Todesgruppe gelost worden. Gruppe „C“. Da fahren mit:
„Das Viergenerationenboot“. Klingt lahm, so nach Oma, Opa, Tante, Bruder, Kinder etc.,
ist aber nicht so. Die Kollegen kennen wir vom letzten Mal. Da sitzen mindestens acht
Drachenbootrührer vorne drin und hinten zwei Kinder, die sich da den Fahrtwind um die
Nase wehen lassen. Achter mit Gepäck also. Und das schlimme ist, die glauben an diese
Oma-Opa-Nummer, halten sich aber nicht daran.
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Das zweite Team nennt sich „Falkennest“. Eine Horde Jung-erwachsener mit vier sportlichen Mädels.
Kennen wir nicht, sehen aber stark aus im Vergleich zu uns. Bis auf einige Ausnahmen gehen wir da
eher als Vorvor-Ruheständler durch. Und dann ist da noch der „Saale-Helden-Mix“. Okay, schlagbar.
Ein Team gut gelaunter, teils älterer Kanuten, die in erster Linie ihren Spaß haben wollen, aber darin
hoch motiviert sind. Eine gefährliche Mischung. Und wir, die Hamburger Sieger aus 2010. Nach
unserem ersten Auftritt vor zwei Jahren kennt man uns hier. Zwei Siege in drei Klassen, das
hat hier sicher keiner vergessen. Da würde sich so mancher auf die Schenkel kloppen, wenn wir hier
in der Vorrunde ausscheiden. Peinlich!
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Ja, und so sieht es dann auch ganz schnell aus. In Rennen acht gewinnt „Falkennest“
souverän gegen „Saale-Helden-Mix“. War ja klar! Das „Falkennest“ fliegt also schnell.
In Rennen 16 sind wir dann endlich gegen das „Viergenerationenboot“ dran. Wie immer ist
an alles gedacht. Der Trimm ist diesmal besonders schwierig. Damit das Boot gerade im Wasser
liegt muss Wilfried rechts fahren, obwohl er eigentlich lieber links sitz. Da vorgesehen ist, dass
er mit Rainer im Wechsel fährt, muss das aber gehen. Wir nehmen Platz im für zehn Leute viel
zu engen Kahn. Timo, ganz gemütlich auf der ersten Bank, sorgt für ordentlich Drehzahl und die
entsprechende Taktik. Yvonne und ich auf der zweiten Bank, sitzen hier so eng aneinander
gepfropft, dass lediglich die Kraftübertragung über das Sitzfleisch aufs Boot hundertprozentig
gewährleistet ist. Bewegungsfreiheit zum effektiven Paddeln gibt es hier nicht. Ähnlich geht es
Aliena und Wilfried auf der vorletzten Bank, während Matthias-Hightower alleine auf der letzten
Bank thront und hier für ordentlich Schub sorgen kann. Bei Björn, Simone, Norbert und Meike
auf den mittleren Plätzen scheint es irgendwie zu gehen.
Ran an die Startlinie. Die Boote werden vom Starter ausgerichtet. „Achtung!“… Fehlstart. Ja,
nee Freunde, nicht mit uns. Durch solcherlei Spielchen lassen wir uns nicht aus dem Konzept
bringen. Cool wird neu ausgerichtet und ab geht die Post. Während alle anderen hier mittlerweile
irgendwelche Drachenboot-Startsequenzen fahren, haben wir uns vorgenommen, einfach
loszuschippern, ohne uns wieder, wie vor zwei Jahren, am Start einzugraben. Es geht gut voran
aber nicht gut genug. Timo reißt vorne zwar wie ein Wahnsinniger riesige Löcher in die Saale,
aber Yvonne und ich kämpfen mehr gegeneinander als miteinander. An eine effektive
Paddelführung ist hier nicht zu denken. Weiter hinten sieht es nicht viel besser aus. Zudem kommt
Wilfried rechts nicht wirklich klar. Wir versemmeln unser erstes Rennen um einige Zentimeter.
Es ist unglaublich was so ein verlorener Vorrundenlauf aus einer gesamten Mannschaft machen
kann, wenn man sich seiner Sache schon im Vorwege nicht hundertprozentig sicher ist. Einen
Trümmerhaufen. Alle lassen mächtig die Ohren hängen. Die Anspannung steigt. Aber wir geraten
nicht in Panik. Keine weitere Strategieänderung. Wie besprochen steigt Rainer für Wilfried ins
Boot und auf jeden Fall müssen die, bei allen Teams begehrten kurzen Paddel für Bank 2 und 5 her.
Mit dem Wissen, dass im Training der erste Sprint auch immer eher bescheiden verläuft, bauen
wir auf unsere Routine. So gehen wir in das Rennen 26 gegen „Falkennest“. Alles klappt wie geplant.
Wir ergattern uns vier kurze Paddel, pfropfen uns in den engen Kahn und fahren zum Start. Mal
sehen was „Falkennest“ so drauf hat. „Achtung!...go!“ Die Paddel fliegen. Alles läuft wie am Schnürchen.
Die Muskeln erinnern sich an die abgerufenen Bewegungsabläufe, die Paddellänge stimmt und
somit reicht auch der Platz zum paddeln. Und dann stimmt auch der Speed. Das Rainers
Drehmomentkurve nach der Hälfte der Strecke etwas einknickt ist nicht weiter schlimm.
Der arme Kerl konnte nach seiner Zwangsverpflichtung schließlich nur einmal trainieren.
Dafür schlägt er sich wacker. Alle Achtung!
Wir gewinnen! Das „Falkennest“ kommt mit leicht gestutztem Gefieder eine gute dreiviertel Bootslänge
nach uns ins Ziel. Der Stein, der jetzt kollektiv von unseren Herzen ins Wasser plumpst ist riesig.
Die Stimmung schnellt aus den tiefen unseres Seelenkellers hervor. Alles ist gut. Wir sind wieder da.
Wie in unserer Hochstimmung erwartet, lassen wir in Rennen 36 das Team „Saale-Helden-Mix“ weit
hinter uns. Unsere Vorrundenläufe sind durch. Das Ergebnis von Rennen 54 ist eigentlich jetzt
schon klar. Das „Viergenerationenboot“ wird gegen „Saale-Helden-Mix“ gewinnen. Spannend
wird jetzt aber Rennen 44. „Falkennest“ gegen „Viergenerationen-boot“. Wenn „Falkennest“
hier gewinnt, sind drei Teams punktgleich und wir müssen ins Stechen. Das will so wirklich keiner
von uns.
Während einige Team-Mitglieder sich sorgenfrei am Kuchenbuffet gütlich tun, steht unsere
Teamleitung mit gemischten Gefühlen am Zielhäuschen und wartet auf den Zieleinlauf von Rennen 44.
Das „Viergenerationenboot“ geht zum Glück mit knappem Vorsprung als erstes über die Ziellinie.
Hier wird es sogar eng um dich, wenn du gar nicht auf dem Wasser bist. Im direkten Vergleich haben
wir aber Falkennest geschlagen und ziehen somit in die Zwischenrunde ein
In der nun fälligen Organisationspause sorgen die Calbenser Paddler für eine kleine
Show-Einlage. Erstmalig, ohne Training und mit Sondergenehmigung soll versucht werden, mit
einem Drachenboot einen Wasserskifahrer zum Gleiten zu bringen. Nebenbei gesagt ist
Wasserski-fahren auf der Saale nicht erlaubt. Deswegen die Sondergenehmigung und kein Training.
Nur heute kann und muss es glücken. Nach nur einem Fehlversuch, die Paddler zogen zu stark an
und den armen Wasserskifahrer somit von den Skiern, klappt das Unternehmen erstaunlich gut.
Wer hätte das gedacht. Tolle Idee.
Im Zwischenrunden-Rennen müssen wir als zweite der Gruppe „C“ gegen den Sieger der Gruppe „B“
antreten. Das Team nennt sich „das Hausboot“ Na, wenn einer Gruppensieger ist, kann er ja wohl
auch ordentlich paddeln. Mal sehen. Die Sache mit den kurzen Paddeln läuft jetzt ganz fair ab.
Es wird einfach gewartet bis alle Paddel wieder am Steg sind und dann nimmt sich jeder was er braucht.
Zwischenrunde halt. Hier liegt die Latte etwas höher. Und im Rennen 65 zeigt sich, dass das Niveau
der Gruppe „C“ wohl das höchste war. Denn nachdem wir in Rennen 64 „das Hausboot“ souverän
aus dem Wettkampf drängen und in das Finale einziehen, siegt auch das „Viergenerationen-Boot“
über den zweiten der Gruppe „A“.
Finaaale!...Olé, Olé, Olé!!!
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Jetzt geht alles ganz schnell. Nachdem die Rennleitung sich bisher mit der Abfolge der insgesamt
68 Rennen etwas Zeit lassen konnte, wird jetzt auf Grund eines aufziehenden Gewitters etwas
Gas gegeben. Nach dem Finale der Damen sind die Mix-Teams an der Reihe. Wir starten auf
Bahn drei gegen das „Viergenerationenboot“ und „die Unbesiegbaren“, den zweiten aus Gruppe „B“.
Wir werden als letzte auf den Steg gerufen. Nun heißt es schon mal Ellenbogen auspacken,
sonst sind die kurzen Paddel alle vergriffen, bevor wir auf dem Steg stehen. Aber die anderen
Teams zeigen sich fair. Jeder nimmt nur das, was er wirklich benötigt. Und so sind auch wir
bestens gerüstet. Hier zeigt sich, dass wir auf einer Fun- und Fairness-Regatta sind.
33 Paddler hocken nun in den kleinen Booten an der Startlinie. Es werden keine dummen Sprüche
mehr ausgetauscht. Die Anspannung ist enorm. Auf das Kommando „Achtung!“ folgt ein
sächsisches „go!“ Wasser fliegt durch die Luft, das Publikum tobt, Die Steuerleute brüllen sich
die Seele aus dem Leib, jetzt gibt hier jeder alles was geht. Nach 200 m ist Schluß. Alle brechen
in sich zusammen. Keiner reißt im Siegestaumel das Paddel hoch. Nur eines ist klar,
„die Unbesiegbaren“ sind besiegt, Aber keiner kann sagen wer gewonnen hat. Die Zielrichter
halten sich bedeckt. Die Spannung soll wieder mal bis zur Siegerehrung aufrecht gehalten werden.
Wilfried, der uns vom Ufer aus unterstütz hat, ist der Meinung das wir den 2.Platz haben.
Das „Viergenerationenboot“ sieht uns auf dem 1. Platz. Understatement? Sch…egal! Der
2. Platz wäre schon mehr, als wir uns erhofft hatten. Die Vorrunde zu überstehen war unsere
Mindest-anforderung gewesen. Alles ist gut!
Mit dem Überfahren der Ziellinie endet das Herren-Finale in einem gewaltigen Gewitter-Schauer.
Wir flüchten unter einen kleinen Holzpavillon und lassen das Erlebte erst mal sacken.
Nach einer guten halben Stunde findet das Wetter zu seiner alten Form zurück und mit
beginnendem Sonnenuntergang stürmen wir gierig die Wurst- und Biertheken dieser Veranstaltung,
denn Erfahrungsgemäß sind hier nach Rennende die Pommes gerne schon mal aus. Showmäßig
sind die Calbenser Paddler dieses Jahr ganz vorne mit dabei. Als Liveact darf DSDS-Sternchen
Anna-Carina Woitschack die After-Paddel-Party befeuern.
Kaum sind die Bratwürste verdrückt und das erste Bier gezischt, geht es mit der langersehnten
Siegerehrung los. Nu mal Butter bei die Fische. Als erstes werden die Damen gekürt. Hier siegen
die „Bornschen Söckchen“ (Handballerinnen) vor „Mary’s Beauty-Farm“ (der Name sagt es)
und den „Wundervollen“ (Handball-Muttis, also Mütter von Kindern die Handball spielen.
Hier auf dem Land ist alles möglich).
Dann die Mix-Ergebnisse. Also im Internet steht: „Im Mix gab es eine völlige Überraschung.
Das „Viergenerationen-boot“ gewann vor den favorisierten Elbpiraten aus Hamburg und den
Unbesiegbaren“.
Favorisierte Elbpiraten aus Hamburg.“ Klingt doch gut, oder?
Bei den Herren gewinnt das „Havanna Club Boat“ (Paddler, jung, stark,
wettkampferprobte Flachbahnbolzer) vor unseren Favoriten und Sympathisanten,
den „Weinberger Strolchen“ (Wohngebiets-Mannschaft. Unglaublich!) und den „Elbeumrührern“
(Paddler aus Dessau)
Die After-Paddel-Party geht bei Disco, Live-Musik und Feuerwerk bis spät in die Nacht. Den Morgen
danach lassen wir ruhig, entspannt angehen und fahren relativ spät aber zufrieden nach
Hamburg zurück.
Wir danken der Kanuabteilung des TSG Calbe / Saale e.V., dass wir Teil dieser spannenden und
perfekt ausgerichteten Regatta sein durften. Und wir zollen allen Teams Respekt, die aus
Spaß an dieser Regatta teilnehmen, obwohl sie mit Kanusport nichts zu tun haben, hier
aber hochmotiviert enorme Leistungen zeigen. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen in Calbe 2013.

Text: Wolfgang Soltau
Fotos: Rico Berner TSG Calbe/Saale e.V.



 

 

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